Fortsetzung Geschichte in Geschichten

Kirche St. Andreas in Gesau um 1920

Kirche St. Andreas in Gesau um 1920

… Deine Stadt? Die Gemeinde, die Dir heute überwiesen wird, die erste Gemeinde, die man die erste Liebe des Geistlichen nennt. Jedes Haus darin, jede Stube, jede Seele. Welch eine Fülle von Aufgaben und Verpflichtungen? Und es ist noch mehr. Blick von den Höhen, die den Ort umsäumen, hinaus ins weite Gelände. Sieh Dörfer und Städte in bunter Folge wechseln. Ahne und wisse dahinter immer neue Städte, immer neue Dörfer, sieh und versteh Dein ganzes großes Volk, Dein deutsches Vaterland. Gingen sie Dich nichts an, die da draußen wohnen? Du kennst sie nicht und sie sind doch mit Dir eines Blutes, eines Stammes, einer Sprache. Und ginge es Dich nichts an, das weite große Volk und Vaterland, dieses jetzt so tief unglückliche Land? Zertreten vom siegreichen übermütigen Feind, zerrissen in sich selbst, sich zerfleischend mit den Waffen des Hasses und Mordes. Wo alles in Trümmern liegt, wer wäre nicht berufen, mit zuarbeiten und wieder aufzubauen? Die Erwählten von Weimar, von wo ich komme, sind es; aber es ist ebenso noch, wenn ich hier diese Gemeinde sehe, der schlichteste Hausvater und die letzte Hausfrau. Und der Geistliche an seinem Platz. Sein Beruf in seiner ganzen Bedeutsamkeit ist in dieser Zeit wieder klar geworden vor aller Augen. Durch weite Kreise bricht sich mit elementarer Gewalt die Überzeugung hin durch: wo alles wankt und fällt, wo Throne sinken, Kronen zersplittern, Weltreiche zerschellen, da kann nur uns retten das eine, das auch im Wandel dieser Zeit wandellos bleibt: die Religion – die heute ihr Wort verkündigt und ihr Amt versieht, genau wie in den alten Tagen. Du, der Vertreter der christlichen Religion von Berufswegen, suche an Deinem Platz und mit Deiner Kraft der Stadt Bestes. Nicht bloß der Stadt Gutes, nicht bloß was Gemeinde und Volk vorwärts bringt im Handel und Wandel, was das Leben verbrämt und in das Leben hinein rankt große und kleine Annehmlichkeiten, nein, der Stadt Bestes. Und das Beste sind die inneren Werte, wie sie unverlierbar im Herzen verankert sind. Das Beste ist, was die Seele satt und froh und frei und selig macht. Das Beste ist, was, wie die Geschichte von Jahrtausenden es beweist, aus den Evangelium stammt, aus dem alten Evangelium vom Sünderheiland, der den Menschen mit Gott versöhnt.

Unter der alten Marschorder ging Dein Vater durch die Jahrzehnte. Nun ruft er dem neuen Kämpfer und Arbeiter in seine Spuren, eben mit dem Losungswort vom 2. März 1919:

„Suchet der Stadt Bestes“

Fortsetzung folgt …

(aus der Ordinationspredigt für seinen Sohn von Oberkonsistorialrat Sup. Dr. Költzsch)

Christiane Scheurer

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