Geschichte in Geschichten

Vor 100 Jahren, am 2.3.1919, wurde in der St. Andreas-Kirche Gesau ein junger Mann zum Pfarrer ordiniert. Ähnliches erlebte, fast auf den Tag genau, 99 Jahre später eine zahlreich versammelte Gemeinde wieder in der Gesauer Kirche. Was ist daran so besonderes?

  1. Eine Ordination kommt in einer Kirchgemeinde selten vor, denn Pfarrstellen werden oft mit schon ordinierten Pfarrern, Pfarrerinnen wieder besetzt.
  2. Am 2.3.1919 ordinierte Oberkonsistorialrat Sup. Dr. Költzsch seinen Sohn Friedrich Költzsch. Wie oft es so etwas in der sächsischen Kirchengeschichte gegeben hat, ist mir unbekannt.
  3. Wann bekommt man schon ein 100jähriges Dokument angeboten, dessen Inhalt noch heute aktuell ist?

Mich hat die Wortwahl des Vater an den Sohn beeindruckt. Unsere Sprache hat sich verändert, dennoch lohnt sich das Lesen dieser Predigt. Versuchen Sie es!

Kirche St. Andreas in Gesau um 1920

Kirche St. Andreas in Gesau um 1920

„… Was sind die Worte dieser Stunde?

Ein erstes – das Losungswort für den heutigen 2. März 1919, das aus dem Propheten Jeremia: Suchet der Stadt Bestes. Aus dem Losungsbüchelein der Brüdergemeinde haben wir daheim unsere Hausandachten gehalten – unterm Kreuzturm, am alten Familientisch.

Aus ihm hoben wir uns manchmal Licht und Trost und Kraft und Rat für den einzelnen Tag. Und manchmal war uns das Wort des Tages wie ein Geschenk Gottes. Nun berührt´s Dich in der Tiefe Deiner Seele, dass gerade für heute, Deinen großen Tag, als Losungswort Dir gegeben ist: Suchet der Stadt Bestes. Du weißt, mit dem Wort ward ich vor 27 ½ Jahren in mein erstes Amt an der Kreuzkirche in Dresden eingewiesen. Es wies mich hinein in das Straßennetz und Häusermeer und Massengewühl der Großstadt. Es wies mich hinein in die gerade damals aufbrechenden sozialen Kämpfe. Es legte mir auf Herz und Gewissen besonders das arbeitende Volk, aber es spornte mich, im Ringen um die Volksseele einzusetzen, meine beste Kraft. Und wie eine Fügung war mir´s, als 11 Jahre später für meinen letzten Abendgottesdienst in der Kreuzkirche, für wehmütige Abschiedsstunde, als das Sonntagswort sich darbot, der 122. Psalm: Jerusalem ich will dein Bestes suchen. Als ob ich von dem einen Wort nicht loskommen dürfte – ich kam auch nicht von ihm los. Und heute, da es der Tag mir als Losungswort zuwirft, gebe ich es an Dich weiter. Es ist die eine große Instruktion, die mit dem einzigen Kapitel: Suchet der Stadt Bestes.“

Fortsetzung folgt …

Christiane Scheurer